Auswanderung, Einwanderung. Welche Richtung?

Unsere Urahnen waren Auswanderer. Sie wanderten im Mittelalter, dem Ruf des ungarischen Königs folgend, aus dem Heiligen Römischen Reich aus, um in der Fremde eine neue Heimat zu finden. Und sie waren auch Einwanderer. Sie wanderten nach wochenlanger Reise in Siebenbürgen ein und gründeten dort Dörfer und Städte. Später kamen weitere Einwanderer dazu. Die wanderten aus Baden aus, oder aus Böhmen, der Zips oder Württemberg. Die evangelischen Landler mussten aus dem Salzburger Land aus- und nach Siebenbürgen einwandern.

Es kamen dann Zeiten, in denen Sachsen in größeren Zahlen aus Siebenbürgen auswanderten. Im 19-ten und 20-ten Jahrhundert wanderten viele in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. Und nach 1990 wanderten fast alle nach Deutschland aus.

Paradoxon

„Sie wanderten nach Deutschland aus?“ Dieser Satz ist eigentlich ein Paradoxon. Es sagt „aus“, meint aber „ein“. Er unterschlägt das Land „aus“ dem die Wanderung passierte und nennt stattdessen mit „aus“ das Land in das  „ein“gewandert wurde. Wir verstehen ihn dennoch, denn wir vervollständigen mit unserem Kontextwissen das fehlende „aus“-Land und korrigieren darüberhinaus im Geiste das falsche „aus“ zu „ein“.

Elektronische Systeme tun sich aber immer noch schwer, solche intelektuellen Leistungen zu erbringen. Für die ist es notwendig, Fakten klar und eindeutig auszudücken. In unserem Fall sind das zwei zeitlich aufeinanderfolgende Ereignisse: eine Auswanderung „aus“ einem Land, gefolgt von einer „Ein“wanderung in ein anderes Land.

Projektrichtlinien

Bei der Festlegung der bisherigen Projektrichtlinien für die Ereignisse Aus- und Einwanderung hatte man sich an der umgangssprachlichen Formulierung orientiert:

  • Ereignis: Auswanderung ; Ort: <nach>
  • Ereignis: Einwanderung  ; Ort: <aus>

Leider. Denn dieses ist, wie oben beschrieben, nicht eindeutig, formal gar paradox, erfordert eine intelligente Uminterpretation und ist somit für elektronische Systeme nicht geeignet.

Aus- und Einwanderung korrekt

Bei der Überarbeitung der Ereignissrichtlinien hat sich die Erkenntnis mittlerweile klar durchgesetzt, dass die bisherigen Festlegungen sehr nachteilig sind; eine Korrektur ist unvermeidlich. Korrekt wäre:

  • Ereignis: Auswanderung ; Ort: <aus>
  • Ereignis: Einwanderung  ; Ort: <nach>

Damit können auch zeitlich auseianderliegende Aus- und Einwanderungen, jede mit Datum, Ort und weiteren Angaben, in den entsprechenden Ereignisfeldern korrekt dargestellt werden.

Auch im GEDCOM Standard sind die Ereignisse Auswanderung und Einwanderung auf diese Art definiert. In der GEDCOM 5.5.1 Spezifikation heißt es:

  • EMIG {EMIGRATION}:=(Auswanderung)
    Ein Ereignis, bei dem eine Person ihr Heimatland verlässt, mit der Absicht, wo anders wohnhaft zu werden.
  • IMMI {IMMIGRATION}:=(Einwanderung)
    Ein Ereignis des Eintretens in eine neue Örtlichkeit, mit dem Ziel, dort wohnhaft zu werden.

Neue Richtlinien

Die Richtlinen für Aus- und Einwanderung sollten wie folgt neu definiert werden:

Auswanderung

Mit dem Ereignis “Auswanderung” sollen alle Auswanderungen aus einem Land (in unserem Fall typischerweise aus Siebenbürgen) erfasst werden (im Sinne von “ausgewandert aus”).

Auch unfreiwillige Auswanderungen wie Evakuierung, Flucht oder Vertreibung sollen mit diesem Ereignis erfasst werden. Der Grund der erzwungenen Auswanderung wird dann im Text-Feld erfasst.

Hinweis: Einer Auswanderung folgt typischerweise eine Einwanderung. Um eine Migration aus einem Land in ein anderes vollständig zu beschreiben, sind zwei Ereignisse notwendig: Auswanderung und Einwanderung, jeweils mit passendem Datum und Land.

Auswanderung Datum: <Datum der Auswanderung>
Text: <leer> oder Grund: Flucht oder Vertreibung oder Evakuierung
Ort: <Land aus dem ausgewandert wurde>
Ausgabezusatz: aus
Obere Ereignisbemerkungen: <weitere Anmerkungen zur Auswanderung>

Einwanderung

Mit dem Ereignis “Einwanderung” sollen alle Einwanderungen in ein Land nach vorheriger Auswanderung aus einem anderen Land erfasst werden (im Sinne von “eingewandert nach”).

Hinweis: Einer Einwanderung geht typischerweise eine Auswanderung voraus. Um eine Migration aus einem Land in ein anderes vollständig zu beschreiben, sind zwei Ereignisse notwendig: Auswanderung und Einwanderung, jeweils mit passendem Datum und Land.

Einwanderung Datum: <Datum der Einwanderung>
Ort: <Land in das eingewandert wurde>
Ausgabezusatz: nach
Obere Ereignisbemerkungen: <weitere Anmerkungen zur Einwanderung>

Ist auch der genaue Ort, in dem sich die oder der Einwanderer niedergelassen hat, bekannt, wird dieser zusätzlich als Wohnort (ggf. mit Adresse) angegeben.

Beispiel

Auswanderung

  • Datum: 07.11.1906
  • Ort: (Siebenbürgen)
  • Ausgabezusatz: aus
  • Obere Ereignisbemerkungen:

Einwanderung

  • Datum: 20.11.1906
  • Ort: (USA)
  • Ausgabezusatz: nach
  • Obere Ereignisbemerkungen: „Jozsef Szentpeteri, ein Weber, 23 J. alt,  ledig, von Birthälm über Bremen, mit dem Schiff  ‚Oldenburg’; zum Schwager Friedrich Roth, 605-8 Ave., Homestead, PA.“
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  2 comments for “Auswanderung, Einwanderung. Welche Richtung?

  1. Renate
    10.09.2018 at 17:19

    Ich brauche ein Ereignis „Rückwanderung“. Eine Familie ist durch die Evakuierung aus Siebenbürgen nach Österreich gekommen, von dort nach USA ausgewandert und nach 5 Jahren nach Deutschland zurückgekehrt – oder sind das 3 Aus- und Einwanderungen?

    • Momo2005
      13.09.2018 at 00:42

      Zum jetzigen Stand unserer Richtlinien wäre es eine Aus- und Einwanderung.
      Eine Rückwanderung wäre es meiner Meinung sowieso nicht, da sie ja vorher nicht in Deutschland gelebt haben. Rückwanderung (dieses Ereignis haben wir aber nicht) wäre es vielleicht, wenn sie nach Österreich oder Siebenbürgen zurückgekehrt wären.

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